Interlingua und die europäische Identität

Keine Sprache ist europäischer und zugleich internationaler

Mal abgesehen davon, wo Europa anfängt oder aufhört, geht es bei dem vielschichtigen und bücherfüllenden Begriff der europäischen Identität auch, aber nicht nur, um die Gemeinsamkeiten und Verbundenheit der Europäer. Diese Gemeinsamkeiten können sich auf allen Ebenen der europäischen Zivilisation zeigen: in der Wirtschaft, Politik, Religion, Sport, Musik und eben auch in der Sprache.

Genau dieses Prinzip macht sich Interlingua zu Eigen. In Interlingua werden die Wörter mit der größtmöglichen Verbreitung (Internationalismen) in den europäischen Sprachen registriert. Das sind Wörter, die in gleicher Bedeutung sowie gleicher oder ähnlicher Form in mehreren Sprachen vorkommen. Beispiele sind Medizin, Musik, Nation, Radio, System, Telefon, oder Theater. Entstanden ist dadurch die Sprache mit dem europäischsten Vokabular schlechthin.

Mehr noch: Dieses gemeinsame Vokabular ist griechisch-lateinischen Ursprungs. Hier findet sprachlich seinen Ausdruck, wie grundlegend beide antike Kulturen zivilisatorisch für Europa waren und heute noch sind.

Alexander Gode, die treibende Kraft hinter Interlingua, bezeichnete daher Interlingua auch als Teil des Sprachbundes „Standard Average European“. Darunter versteht man eine Gruppe von europäischen Sprachen, die ähnliche Grammatiken aufweisen, ohne dass sie verwandt sind.

Allerdings ist Interlingua mehr als nur europäisch. Das liegt daran, dass viele europäische Sprachen wie Englisch, Spanisch, Französisch und Portugiesisch auch außerhalb Europas muttersprachlich gesprochen werden. Interlingua kann somit keine Exklusivität der Europäer beanspruchen.

Es liegt daher nahe, die Idee Interlingua mit der Idee Europa zu verbinden und herauszuarbeiten, was Europa ist, wo es herkommt und wo Europa hingehen wird. Was sind Europas geistige Wurzeln? Was ist europäisch? Immer auch mit dem europäisch internationalen Blick, weil Europa eine starke interkontinentale Verflechtung aufweist.

Der Romanist Jürgen Trabant fragt: Welche Sprache für Europa?